Wenig Licht – viel Schatten – Die Zeit läuft davon

Angesichts der fortschreitenden Klimakrise waren die Erwartungen an die diesjährige Weltklimakonferenz im ägyptischen Scharm el-Scheich hoch. Doch diese wurden nicht erfüllt.

Das Scheitern der Konferenz konnte zwar in der Verlängerung noch verhindert werden. Doch einige Großemittenten und Exporteure fossiler Energieträger spielen weiterhin auf Zeit und mit der Zukunft auf unserem Planeten. Die Konferenz betont zwar in ihrem Abschlussdokument den schrittweisen Ausstieg aus der Kohle, doch der Abschied von Öl und Gas wird nicht erwähnt. Mit dieser politisch getriebenen Ignoranz ist das Pariser Klimaziel nicht zu erreichen. Gefährliche Kipppunkte kommen immer näher. Kostbare Zeit, um auf den 1,5 Grad Pfad zu kommen, ist verloren gegangen.

Eine sehr gute Nachricht gibt es: Die Weltklimakonferenz hat sich erstmals auf einen gemeinsamen Fonds zum Ausgleich von Klimaschäden in Entwicklungsländern („Loss and Damage“) geeinigt. Damit soll besonders den Ärmsten geholfen werden und die existenziellen Folgen immer häufigerer Dürren, Überschwemmungen und Stürme, aber auch der steigende Meeresspiegel und die Wüstenbildung abgefedert werden.

Aber die Klimakonferenz blieb auch hier unscharf: Konkrete Summen werden nicht genannt. Wer wieviel einzahlt, soll später geklärt werden.  Umstritten ist besonders die Rolle Chinas. Das Land, das beim Ausstoß klimaschädlicher Emissionen derzeit den ersten Platz belegt, will im internationalen Klimaschutz als Entwicklungsland behandelt werden.

Natürlich, es hätte angesichts der Gefahr eines neu aufziehenden kalten Krieges noch deutlich schlimmer kommen können. Doch diese Betrachtung hilft nicht wirklich weiter. Auch wenn die Lage angesichts sich überlagernder Krisen komplex und unübersichtlich ist: Es führt kein Weg daran vorbei. Der Frieden muss so schnell wie möglich errungen und das Klima so konsequent wie nur möglich geschützt werden. Dies sind wir den nachwachsenden Generationen schuldig. Noch ist das Zeitfenster nicht vollkommen geschlossen. Die nächsten Klimakonferenzen müssen umso zielgerichteter vorankommen.

Die Rolle Deutschlands

Auch Deutschland hat international ein Glaubwürdigkeitsproblem. Einerseits von anderen Ländern eine Energiewende zu fordern und andererseits bei der Substitution von russischem Gas vor allem wieder auf fossile Energien zu setzen, gibt ein widersprüchliches Bild ab.

Deutschland liegt beim Ausbau der erneuerbaren Energien deutlich hinter seinen Möglichkeiten, ein Erbe der vergangenen Bundesregierungen. Zuletzt hat es bis zu sieben Jahre (!) gedauert, ein Windrad aufzustellen. Der ExpertInnenrat für Klimafragen, der die Klimapolitik der Bundesregierung begutachtet und bewertet, hat bereits vor der Klimakonferenz festgestellt, dass Deutschlands Beitrag zum 1,5-Grad-Pfad derzeit nicht ausreicht. Insbesondere in den Sektoren Verkehr und Gebäude muss noch viel mehr getan werden.  

Es geht jetzt darum, Sicherheitspolitik, Versorgungssicherheit und Klimaschutz miteinander zu verknüpfen. Wir müssen, auch wegen des Ukrainekriegs, noch schneller aus fossilen Energieträgern aussteigen.

Die Abkehr vom russischen Gas kann dabei zum Treiber für die Transformation, für den Ausbau der Erneuerbaren, für mehr Energieeffizienz und Energiesparen werden. Diese Entwicklung ist jedoch alles andere als sicher. Sie kann auch in die Gegenrichtung laufen und neue nicht-nachhaltige Abhängigkeiten schaffen: etwa durch die bereits erfolgte Aussetzung der CO2–Bepreisung, durch neue fossile Lock-In-Effekte beispielsweise als Folge der im Aufbau befindlichen Flüssiggasinfrastruktur und die übermäßige Verlängerung der Braunkohle-Nutzung. Selbst eine Renaissance der Atomenergie ist wieder diskussionswürdig geworden.

Es wird auch eine große Herausforderung sein, der Öffentlichkeit zu vermitteln, dass es mit dem Umstieg vom Verbrenner- auf Elektroautos allein nicht getan ist, um die Klimaziele zu erreichen.

Wir müssen die Art, wie wir leben, wie wir unsere Mobilität organisieren, was und wieviel wir konsumieren, wie wir Produkte herstellen und Rohstoffe verbrauchen grundlegend verändern. Es gilt unser Zusammenleben sozialgerecht zu gestalten und dabei konsequenten Klimaschutz umzusetzen.

Das bedeutet: Nicht nur „die“ Industrie wird sich transformieren müssen sondern auch wir selbst. Wir werden lernen müssen, einfacher zu leben, damit nachfolgende Generationen menschenwürdig leben können. Es geht aber nicht darum, perspektivisch in Armut zu leben, sondern um ein Leben im Wohlstand, einen Wohlstand der verallgemeinerungsfähig ist, einen „Wohl“stand zum Wohle aller, ohne dass die planetaren Grenzen zerbrechen. Es geht um einen „Wohlstand für eine bessere Welt“. Von Bedeutung sind in diesem Zusammenhang auch kirchliche Angebote, die Lebensstile theologisch-ethisch reflektieren und ein anderes Leben experimentell erkunden, wie z. B. im Rahmen der Aktion Klimafasten.

Zudem ist jetzt eine konsequente kirchliche Praxis besonders wichtig: Wer, wie die Kirchen, die Pariser Klimaziele zurecht politisch einklagt, muss auch im eigenen Bereich konsequent handeln.

Am 19.11.22 hat die westfälische Landessynode dafür einen verbindlichen Rechtsrahmen festgelegt und ein kirchliches Klimaschutzgesetz verabschiedet. 4 Prozent der Kirchensteuerzuweisung an die
Kirchenkreise und die Landeskirche sind nun Klimaschutzzwecken vorbehalten: für Investitionen in Klimaschutz (Gebäude und Mobilität) und Klimaanpassung sowie für den organisatorischen und personellen Aufbau des kirchlichen Klimamanagements. Als Institut werden wir den Bereich Klimaschutz weiter ausbauen: sowohl unsere politische Arbeit wie auch unsere Mitarbeit an der kircheninternen Umsetzung.

Artikel von Klaus Breyer

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